Bei den „Backstein-Rohbauten“ des Schlossareals Wiligrad sind auch bauliche Details aus der Zeit der Backstein-Renaissance wieder zu finden, wie sie z. B. am „Kerkhoffhaus“ in Rostock realisiert worden sind!
Siehe im Internet unter:
Kerkhoffhaus
Kerkhoffhaus Rostock (Handelshaus), Backstein-Rohbau, errichtet um 1470,Umgestaltung mittels reliefartigen Terrakotta-Platten etwa um 1510,Herstellung einer Renaissance-Fassade unter Beibehaltung der gotischen Treppengiebel! Schloss Wiligrad, Wirtschaftsflügel, Parkseite Schloss Wiligrad, Wirtschaftsflügel, Hofseite
Wie die obigen Abbildungen zeigen, sind beim Schloss Wiligrad die Gebäudefassaden aller drei frei liegenden Seiten des Wirtschaftsflügels backsteinsichtig ausgeführt.
Lediglich im Bereich des nordwestlichen Giebels und der renaissancetypischen Querhäuser auf der Hofseite und der Parkseite sind einige wenige, fensterförmige Blendbogen-Elemente hell verputzt (Siehe Abbildungen).
Allein schon das Vorhandensein der Querhäuser auf der Hofseite lässt erkennen, dass es sich beim Wirtschaftsflügel um einen Gebäudeteil im Stil der (Neo)-Renaissance handelt!
Hinweis:
Der Übergang zwischen der in Norddeutschland ehemals dominierenden Backsteingotik und der Backsteinrenaissance war fließend (etwa 1500 – 1550).
Allerdings bewahrte die Backsteinrenaissance weitgehend die Formensprache der Backstein-gotik. So weist z. B. die im 16. Jahrhundert gestaltete Fassade des Kerkhoffhauses in Rostock die typischen gotischen Treppengiebel auf. (Zitiert aus Wikipedia: „Backstein-Renaissance“)
Deshalb sind am Wirtschaftsflügel des Schlosses Wiligrad und an den anderen Wirtschafts-bauten dieses Architekturstils im Schlossareal - trotz der vorherrschenden Renaissance-bauweise - alle Giebel in der Form gotischer Treppengiebel ausgeführt!
Ähnlich wie beim Johann-Albrecht-Terrakotta-Stil des Herrschaftsflügels gilt jedoch:
- Zum Aufzeigen einer - für die norddeutsche Renaissance typischen - klaren Geschoss-trennung oder als „fiktives Dachgesims“ finden wir quer über die Wand verlaufende „steinerne Schnüre“, die zum Teil auch als Linienpaar waagerechte Mauerstreifen einrahmen und damit ein deutlich sichtbares Band im Mauerwerk bilden.
(Beim alten Rathauses Salzwedel sind diese „Trenn-Bänder“ hell verputzt.)
Die „Einzel-Schnüre“ sind aus Formsteinen gemauert, mit denen der Eindruck eines aus der Wand hervortretenden, halben Rundstabes erzielt wird. Diese Rundstäbe verfügen im Fall von Schloss Wiligrad noch über schräge Rippen (deshalb auch als „steinerne Schnüre“ bezeichnet).
- Die Querhäuser sind in ihrem „Sockelbereich“ (Traufhöhe des Satteldaches am Wirtschafts-flügel) durch Mauerwerksbänder „verschönert“, bei denen zwischen oberen und unteren Rundstab Backsteine in Mosaikanordnung vermauert wurden.
- Zum besseren Hervorheben der Gebäudekanten sind am Nordwest-Giebel über die Höhe des Obergeschosses und an allen Querhäusern über die eigentliche Nutzhöhe hinweg, Ecklisenen (senkrechte, aus dem Umfeld hervortretende Streifen) in Backsteinausführung gesetzt.
- Alle Fenster sind in Segmentbogenbauweise ausgeführt, wobei der Segmentbogenumfang etwa dem eines Drittelkreises entspricht.
- Die Gewände der Fenster und Türen werden von gerippten Viertelstäben („steinernen Schnüren“) gebildet.
- Im Bereich der Querhäuser sind die Segmentbogen-Fenster immer paarweise angeordnet. Dabei kommt im oberen Querhausbereich ein mittelgradig abgeändertes Baudetail zur Anwendung, wie es bereits beim Rostocker „Kerkhoffhaus“ (Backsteinrohbau um 1500) ausgeführt worden ist. Das obere Fensterpaar sitzt dabei innerhalb eines, beide Fenster über-spannenden, repräsentativen Blendbogens.
Das untere Fensterpaar befindet sich innerhalb einer doppelbögigen Blendarkadenfläche, die ihrerseits gegenüber der sonstigen Mauerwerksfassade um einen halben Stein zurück versetzt worden ist und damit einen besonders ansprechenden, plastischen Eindruck von der Querhaus-Giebelfläche vermittelt.
Die obige Fassadenbeschreibung des Wirtschaftsflügels vom Schloss Wiligrad gilt grundsätz-lich auch für die nachstehend benannten Wirtschaftsgebäude des Schlossareals, die im
„Neo-Stil“ der Backstein-Renaissance errichtet worden sind:
- Heiz- u. Maschinenhaus (zur Wärme- u. Stromversorgung) des Schlosses
- Marstallgebäude, dreiflügelig
- Wagen-Remise (massiv errichteter „Wagenschuppen“) gegenüber vom Marstall
- Gastpferdestall neben dem Marstall
Entsprechende Abbildungen sind unter dem Button „Weitere Gebäude“ zu finden!
Man vergleiche diese Gebäude hinsichtlich ihrer Fassadengestaltung bitte auch mit dem „Altstädtischen Rathaus“ in Salzwedel!!!
Die kunstvolle Gestaltung des Schlosses setzt sich im Inneren des Gebäudes fort.
Die Räume des Erdgeschosses im Haupthaus sind nahezu im originalen Stil erhalten. Dazu gehört der gewölbte Vorsaal, von dem man über einen aufwendig gemusterten Terrazzoboden und durch eine meisterhaft geschnitzte Tür in den Seitenflügel, aber auch in die zweigeschossige Halle des Schlosses gelangt. Die Halle hat ein umlaufendes, etwa 4 Meter hohes hölzernes Paneel und eine hervorragende Klangakustik. Unter der Treppe befindet sich ein Marmorkamin. Die zwölf mit Stuck verzierten Säulenpaare und die hölzerne Kassettendecke zeugen von einer besonders edlen Innenausstattung. Eine großzügige Treppenanlage führt an der Nord- und Ostseite der Halle zum Obergeschoss. Dort befindet sich eine zum Teil hinter Arkaden verborgene Galerie. In dieser Etage lagen früher die herzoglichen Wohnräume.
Westlich der Halle liegt der von Kreuzgewölben überspannte ehemalige Speisesaal.